Tag 1


Tag 1
14.02.2018

Angekommen

In einen Traum? So fühlt es sich jedenfalls an. Ich starre vor mich hin. Ein paar mal habe ich mich dabei erwischt, fragend, warum bin ich gekommen? Was hab ich mir dabei gedacht? Aber das lächelnde Gesicht meiner Mutter, war immer die Antwort auf diese Fragen. Deshalb bin ich hier!

Beirut, in der Nacht. Ein lebendiger Albtraum. Die militärischen Sperrpunkte in jeder Straße zerhacken die Stadt und verstümmeln ihre Züge. Hässlich war es. Ein Schmelztiegel der Religionen, in jedem Bezirk eine Gruppe und man spürt die Unsicherheit, die Angst und die Verzweiflung einer Stadt die nie Ruhe finden kann. Gerne würde ich daran glauben, dass es nur die Dunkelheit der Nacht ist, die alles was meine Augen sahen, mit ihrer Melancholie gefärbt hat. Gerne glaube ich daran.

An der libanesischen Grenze angekommen. Die Präsenz der Armee hat gar nicht aufgehört auf dem Weg und hier wird es nur noch schlimmer. Das ein menschliches Auge so viele Waffen sehen muss, auf so vielen Körpern. Es ist erschöpfend und irgendwie auch abtötend. Auch die Werbung auf der Straße zeigt nur Bilder von Krieg, Kampf und 3D Computerspiele, in denen man natürlich was sonst auch, nichts tut als schießt. Ich starre nur und versuche meinen betäubten Körper davon zu überzeugen, dass es vielleicht doch alles nur ein Traum ist. Es ist nur ein Traum. Die Lieder meines Onkels erwecken immer wieder ein erleichterndes Gefühl in mir, irgend eins. Was für ein Mann.

An der Grenze rast ein Militärfahrzeug vor das Auto meines Onkels und der Soldat zeigt mit seiner Waffe an, wir sollten nicht weiter fahren. Viele Soldaten kommen dazu und ein Krankenwagen. Nach einer halben Stunde konnten sie die Leiche aus dem Militärfahrzeug in den Krankenwagen umladen und wir durften vor. Eine Leiche in einer schwarzen Tüte. Noch an der Grenze. Wieder taucht die Frage in mir auf, wo bin ich gelandet? Warum bin ich… Aber ich sehe das Gesicht meiner Mutter und da ist meine Antwort.

Mein Onkel macht die Papiere fertig und kommt zurück und erzählt uns, dass es die Leiche einer Frau war, die bei Streitigkeiten durch eine umher fliegende Kugel ums Leben gekommen ist. Oh ja, ich hatte vergessen, wie billig ein Leben hier ist. Also weiter, ins echte Kriegsland, Syrien.

Es war keine ganz kurze Strecke zwischen den beiden Grenzen. Dann hat das Bild Bashar Al Assads uns in Syrien begrüsst. Die Grenzsoldaten halten uns an, Kofferraum auf, reinschauen, Kofferraum zu und weiterfahren. 10 Meter später nochmal und nochmal und nochmal. Ich frage mich, was sie damit erreichen wollen? Ich meine, im Kofferraum steht ja mein Koffer, aber nur mit einem Blick darauf kann man nicht sehen was darin steckt. Es ist natürlich besser wenn sie ihn nicht ständig auf und zu machen, aber warum schauen sie dann überhaupt rein!?

Aussteigen, Pässe stempeln lassen. Alle waren nett und freundlich. Mein Onkel sagt fröhlich, „siehst du? Alle begrüssen dich in der Heimat.“ Ist das meine Heimat? Ich frage es mich. Wir fahren weiter. Kofferraum auf, rein geguckt, zugemacht und weiter und nochmal. Manchmal geht es erst weiter, wenn man den Soldaten ein bisschen Geld in die Hand drückt. Ja, ist so. Wenn sie den Koffer nicht aufmachen sollen, dann Geld Geld Geld, verteile einfach Geld.

Und rein in die „Heimat“. Ein merkwürdiges Gefühl, an der wehenden syrischen Fahne vorbei zu fahren. Jetzt bin ich wirklich hier. Aber ich glaube es ist alles ein Traum. Ich würde gerne daran glauben. Gefühlt waren es kaum 2 km, zwischen einem Sperrpunkt und dem anderen. An den syrischen Soldaten sieht man die ganze Spanne der menschlichen Seelen, die gelangweilten denen es sogar zu kalt ist um hoch zu gucken, die müden die sich auch bestimmt fragen warum sie dort sind, die fröhlichen, die sich drauf freuen mit jemandem ein paar Worte zu wechseln, und die bösen, die einen nicht so einfach in Ruhe lassen wollen, außer durch Geld.

Meine Mutter sieht mich immer wieder an, um sich zu vergewissern dass ich wirklich da bin. Ich lächle sie an, weil ihre Freude meine einzige Antwort ist und so fahren wir weiter durch die Dunkelheit.

Sehr vorsichtig bremst mein Onkel immer, wenn er glaubt, das Schimmern eines Sperrpunktes oder eines Militärautos zu sehen. Angst Angst Angst, ich fühle nur Angst, sie war definitiv ein Mitfahrer in unserem Auto oder ein mitgeschleppter Geist der uns begleitet. Ich spüre nur Angst und hoffe, dass es alles mit dem Tageslicht anders aussieht. Als ich aus Syrien weg war, da hatte man sich gar nicht getraut so spät in der Nacht auf der Straße zu sein. Jetzt sausten wir um 23 Uhr in der Nacht noch auf der Autobahn, es war „okay“.

Die Dunkelheit hatte einen Vorteil, ich konnte die Sterne sehen und dachte mir, es sind die gleichen wie über Deutschland auch, so fühlte ich mich nicht so allein.

Angekommen im Haus meines Bruders, im Treppenhaus verschluckt uns wieder nur Dunkelheit, es gibt keinen Strom und wir schleppen den Koffer hoch. Zu Hause, wo meine Familie ist. Hier ist alles besser. Hier sind keine Sperrpunkte mehr und keine Waffen. Für das Hier bin ich zurück gekommen.

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