Tag 4


Tag 4
17.02.2018

Es regnet und hagelt heute Morgen.
Um sechs Uhr weckt mein Vater meine Mutter auf. Wir haben kein Wasser mehr. Auch bevor ich Syrien verlassen habe, war ich an Stromausfälle gewöhnt. Das mit den Stromausfällen war, nachdem ich weg war, so schlimm und die Leute in unsere Stadt hatten teilweise sieben Wochen lang gar keinen Strom! Die Natur des Menschen ist ja so, dass er dann nach Lösungen für entstandene Probleme sucht und alle sind auf Stromgeneratoren umgestiegen. Diese laufen mit Dieselöl oder sogar mit Benzin, weil es ein bisschen billiger war. Dann hat man Batterien damit aufgeladen und wenn es keinen Strom gab, geht alles über die Batterie. Jetzt laden sich die Batterien auf wenn der Strom kommt und geben Strom ab, wenn er weg ist. Es funktioniert gut, so das ich den Takt der Stromausfälle gar nicht so richtig mitbekomme. Vielleicht gibt es auch gar keine, ich weiss es nicht genau.

Aber dass das Wasser weg ist! Das hatte ich nur in Jordanien, dem wasserärmsten Land das ich kenne. Von Syrien her kannte ich das noch nicht. Tja, man lernt nie aus. Ich schlief nochmal kurz ein und träumte von einem Schwimmbad. Ich war im Wasser, umgeben vom Wasser und ich wollte gar nicht mehr raus.

Das Wasser kommt an einem Tag in der Woche. Dann füllen die Leute alles mögliche auf. Tanks, Flaschen, Eimer und versuchen über die Woche sparsam mit dem Wasser umzugehen. Deshalb gibt es die ganzen roten und blauen Tanks, die man auf den Dächern in den Bildern sieht. Das sind alles Wassertanks, die man zusätzlich zu den ursprünglichen grauen Tanks dazu gebaut hat. Und wenn es doch mal nicht reicht, wie es bei uns der Fall war, holt man ein Tankwagen mit großer Wasserpumpe drauf und pumpt die Tanks voll. So hat es mein Bruder dann gemacht. Ärgerlich war nur, als er fertig war und bezahlt hatte haben wir festgestellt, dass das Wasser jetzt auch wieder über die normale Leitung gekommen ist. Heute ist also der Tag an dem es kommt. Natürlich ist es kein fester Tag, sonst könnten die Leute sich ja darauf einstellen. Aber nein, man weiss nicht wann es kommt und wann man auf dem Trockenen sitzt.

Ich war dann meine Lieblingslehrerin besuchen. Sie hat mich unterrichtet als ich 10 und 11 Jahre alt war und hat dabei tiefe Spuren in meinem Leben hinterlassen. Gute Lehrer sind überall ein Schatz.
Es ist wichtig zu versuchen zu verstehen wie die Situation der Bildung im Lande ist. Gerade unterrichtet sie die neunte Klasse. Das ist ein wichtiges Zeugnis in Syrien, damit qualifiziert man sich für die Versetzung von der Grundschule ins Gymnasium. Ohne das Zeugnis der neunten Klasse kann man keinen höheren Bildungsweg gehen. Deshalb hat man jetzt Klassen mit Schülern aus Städten aus ganz Syrien die in unserer Stadt geflüchtet sind, weil sie hier Gott sei Dank sicherer sind. Viele 17 und 18 jährige sitzen aus diesem Grund neben den 14 jährigen der neunten Klasse auf den Bänken und versuchen durch diese wichtige Klasse zu kommen.
Meine Lehrerin erzählte mir von den letzten Prüfungen, bei denen ein sehr hübscher Junge seine Arabisch Prüfung schreiben sollte. Sie hatte die Prüfungsaufsicht, ist aber auch Arabisch Lehrerin. Als sie bemerkte, dass er die ganze Zeit nur den Prüfungsbogen angestarrt hat und noch gar nichts beantwortet hat, ging sie zu ihm und fragte warum er nichts schreibt. Er antwortete „ Frau Lehrerin ich musste die Schule in der vierten Klasse verlassen und jetzt wollte ich weiter lernen, da haben sie mich gleich in die neunte Klasse gesteckt und nach kürzester Zeit muss ich jetzt diese Prüfung schreiben? Wie soll ich das schaffen?“
Ja genau, wie soll er das schaffen? Sie war niedergeschlagen und hat danach nur noch in die Leere geguckt. Ich hatte ihr gesagt, sie hätte ihn privat unterrichten sollen. Ich hätte das so gemacht. Sofort die Initiative ergreifen, gleich was verändern. Aber ich kenne auch die Entmutigung und die Hoffnungslosigkeit, die man spürt in diesem Moment. Man denkt, es ist eine ganze Generation und nicht nur ein einziger Junge. Wir wissen alle das wir verlorene Generationen haben, dass diese jungen Leute innerlich noch verstümmelter sind als äußerlich. Aber ich glaube daran, dass man es alles irgendwie auffangen kann. Wie in Deutschland nach dem Krieg.
Bildung ist wichtig, das wissen die Leute hier auch. Deshalb versuchen alle ihre Kinder in die Schule zu schicken, sobald die Umstände das erlauben. Meine Lehrerin meinte, dass in der Grundschule in jeder Klasse 60 Schüler sitzen! Kann ich mir gar nicht vorstellen, ich weiss nicht wie das gehen soll, aber anscheinend geht es. In Syrien ist Schulpflicht bis zu der neunten Klasse, aber natürlich wollen alle auch weitergehend lernen,weil es die Chance ist was besseres zu werden in einer Zeit in der alles schlimmer ist.
Die syrischen Curricula sind so voll gestopft, dass die Lehrer nur versuchen hinterher zu rennen. Aber meine Lehrerin ist ein sehr kreative Lehrerin. Sie hat uns schon damals frei schreiben lassen, obwohl man in Syrien nicht oft ermutigt wird irgendwas frei, aus sich zu heraus zu schreiben. Sie hat es gemacht und wir haben es genossen. Jetzt in dieser Zeit hat sie es wieder versucht. Weil die meisten Schulen in Syrien getrennt nach Jungs und Mädchen sind, unterrichtet sie nur Mächen. Sie hat ihnen gesagt, schreibt einfach was ihr wollt. Ihr seht ja jeden Tag in den Spiegel um euren Körper zu sehen und das hier, dieses Papier ist der Spiegel eurer Seelen. Also schaut mal nach, was drin ist. Sie meinte zu mir, danach hat sie es lange nicht mehr wiederholt. Weil die Texte die die Mädchen geschrieben haben zeigten, wie kaputt und verloren sie sind. Sie erzählte mir, dass viele Mädchen als sie schrieben, anfingen zu weinen und plötzlich haben sich alle gegenseitig umarmt. Sie haben sich vereint gefühlt, zusammen gehörig in diesem Elend von verlorenen Vätern, zerstörter Häuser und geplatzter Träume.
Ich vertraue ihr und ihrer Meinung, daher und um mir ein Bild vom ganzen zu machen fragte ich sie, „Du siehst ja die Zukunft des Landes durch diese Kinder und Jugendlichen. Was sagst du, wie sieht die Zukunft aus?“ Sie sagte mir, ich bin nicht optimistisch, es sieht nicht so gut aus.

Bildung ist wichtig in Syrien. Offiziell hörte der Unterricht nie auf. Das habe ich auch erlebt, als ich zur Universität hier musste. Egal was auf dem Weg los war, von Sperrungen über Explosionen zu Kämpfen. Die Kinder die nicht zur Schule gehen müssen arbeiten gehen, weil die Familien total verzweifelt sind.

Nur wir können das ändern, ich werde es ändern und habe damit schon angefangen.

Die Kinder meines Bruders sind Engel, die unserem Leben Freude schenken. Ich liebe sie so sehr und will ihnen alles geben, was ich geben kann. Es macht so viel Spaß, die Sprache meines Neffen zu lernen und die forschenden Blicke meiner Babynichte zu beobachten. Kinder sind Hoffnung und Hoffnung ist das Schmerzmittel unserer Zeit.

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