Tag 8


Tag 8
21.02.2018

Das war vielleicht ein voller Tag!

Meine Tante hat uns zum Abendbrot eingeladen, aber ich sollte früh zu ihr kommen damit sie mich länger sehen kann. Ich sagte, ich gehe nirgendwohin ohne meine Mutter. Sie ist der Grund für mich hier zu sein. Ganz früh am Morgen sind wir, meine Mutter und ich, mit meinem Onkel nach Damaskus zu meiner Tante gefahren. Mein Onkel arbeitet in Damaskus. Schon bevor ich nach Deutschland gereist bin und als ich noch hier zur Universität musste, bin ich manchmal mit ihm gefahren. Ich und viele andere junge Frauen. Es gab kaum noch Busse und es war sehr anstrengend mit einem Bus durch die Sperrpunkte zu fahren. In den Bussen fuhren auch immer junge Männer mit, welche gründlichst kontrolliert wurden, ob sie nicht zur Armee müssten und gerade versuchen sich dem zu entziehen. Puh, das waren Zeiten. Wir saßen im Auto, auf, über und untereinander. Zum Teil mit acht und neun Leuten. Von Sicherheitsgurt gar keine Rede. Apropos Sicherheitsgurt, als ich ankam wollte ich mich im Auto meines Onkels hinten anschnallen, er meinte da gibt es gar keinen Gurt! Wenn ich jetzt Auto fahre, ist das erste was ich mache mich an zu schnallen. Alle lachen mich aus, ich lache auch und möchte doch am liebsten weinen. Ich kann es nicht beeinflussen, dass mein Neffe und meine Nichte im Auto ohne Absicherung auf dem Schoß sitzen, ich kann es nicht beeinflussen, dass die Kinder auf der Straße ohne zu gucken vor die Autos rennen. Ich kann kaum was beeinflussen! Oh Gott bin ich machtlos. Aber ich kann sie alle lieben, so viel wie ich kann. Vielleicht bringt das irgendwann was.
Zurück zu meinem Onkel. Diese Fahrerei war für ihn ein guter Zuverdienst. Ich weiss nicht wie man in unseren Ländern so viel arbeiten und sich anstrengen kann und immer noch nicht genug haben kann, um bequem zu leben. Irgendwann haben die Soldaten an irgendeinem Sperrpunkt gesagt, er darf das nicht machen. Für die Studenten war es schlimm. Sie haben meinem Onkel immer sehr gerne eine kleine Summe dafür gegeben, dass sie im Gegenzug zur Uni kommen. Ich habe ja gesagt, der Universitätsbetrieb hat keinen Tag aufgehört. Nur als eine Bombe auf die Mensa der Architekturfakultät gefallen war und viele Studenten umbrachte, daran kann ich mich erinnern, denn ich hatte am nächsten Tag die Histologieprüfungen und die Regierung hatte für zwei Tage alle Prüfungen abgesagt. Alle Studenten des Landes haben getrauert. Ich weiss nicht, wie ich jetzt darauf gekommen bin, aber ich möchte euch das einfach alles erzählen. Mein Onkel durfte nicht mehr als Privattaxi fahren und natürlich hat er nicht nach dem Warum gefragt. Wenn ein Soldat was sagt, wird es einfach gemacht. Punkt!

Und hier ein Witz.


Als ich mit meiner wunderschönen Mutter und einem anderen Mann, der auch mitfahren soll, auf meinen Onkel gewartet habe, musste ich entsetzt ansehen wie dreckig unsere Stadt ist. Auch auf dem Bild was ich von meiner Mutter gemacht habe, sieht man Schmutz und Müll. Da habe ich meine Mutter gefragt, was denkst du was passiert, wenn ich an einem Tag einen Besen in die Hand nehme und anfange die Straße zu putzen? Leider kenne ich kaum noch jemand in Syrien, alle sind weg, irgendwohin. Ich würde es auch alleine machen, vielleicht zur Zeit wenn die Kinder aus der Schule zurück kommen? Vielleicht sehen sie mich und werden ermutigt mitzumachen. Meine Mutter überlegte kurz und sagte ja, sie glaubt das könnte gut sein. Ich dachte ja dann, das mach ich. Dann kam mein Onkel und wir sind losgefahren. Irgendwann fragte ich ihn, hey Onkel, ich überlege mir die Straßen bei uns zu putzen. Was hältst du davon? Er guckte mich im Rückspiegel an und sagte laut, dann gehst du gleich ins Gefängnis, liebe Nichte. Ich und meine Mutter zuckten zusammen, WIE BITTE??? Er sagte, du bist doch noch Jordanierin, oder nicht? Ich sagte doch, ja. Er sagte, dann wird die Begründung sein, dass du dich in die Angelegenheiten der syrischen Republik einmischst. Ich staunte und dachte ich spinne. Er meinte ein Freund von ihm und der ist Syrer, hat mit seinen Freunden so eine Aktion angefangen. Sie haben es ganz organisiert und vorbildlich gemacht. Sie wurden alle festgenommen und ihn hat man so lange gequält, dass er ihnen schwor, er wird aus dem Gefängnis gleich zum Flughafen fahren und weg, gleich weg fliegen wohin auch immer ein Flugzeug gerade fliegt. Oooooookay, also lieber nicht putzen.

Das war natürlich kein Witz, ich wünschte mir, es wäre einer.

Wir kamen bei meiner Tante an. Sie ist ein Engel und kein Mensch. Sie war ihr ganzes Leben lang so gut zu allen die sie kennt und zu mir und meinen Brüdern war sie besonders gut. Sie liebt uns genauso viel wie ihre eigenen Kinder. Wir haben Frühstück gemacht und zusammen gefrühstückt, dann sind wir auf einen Markt gefahren den ich gar nicht kannte! Ein wunderschöner Markt für syrische Handarbeiten. Da gibt es alles, Schmuck, Seifen, Stoffarbeiten. Meine Tante hat mir ein Souvenir gekauft und ich habe für meine Lieben in Deutschland ein paar Sachen gekauft und gefilmt, für unseren Film über Syrien. Immer wenn ich filme und sehe es kommt mir ein Soldat entgegen, höre ich sofort auf zu filmen, verstecke die Kamera so schnell ich kann und so unauffällig ich kann in meiner Tasche. Als ich den Weg zum Markt gefilmt habe, habe ich bemerkt dass drei Soldaten spazierend an uns vorbei kommen werden. Wie immer versuchte ich unauffällig zu bleiben und die Kamera runterzunehmen, obwohl ich sie am liebsten filmen würde. Als sie uns näher kamen, bemerkte ich, dass sie viel lockerer sind als die Soldaten sonst so sind. Sie bewegen sich anders und sehen schon ein bisschen anders aus, obwohl ich nicht lange geguckt habe, wir gucken nicht, wir wollen sie nicht stören und ihnen keinen Grund geben uns zu stören. Das ist wie wenn ein Betrunkener in Deutschland in die S-Bahn einsteigt, man versucht nicht aufzufallen und ihm keinen Grund zu geben einen anzusprechen. Aber als sie neben uns waren, welch ein Schock! Sie haben Russisch gesprochen!!!!!!!!! Oh lieber Gott des Himmels, da habe ich geguckt und wie. Meine Mutter seufzte und meine Tante sagte, wir sind unter russischer Besatzung. STOP! Was haben die bei uns zu suchen?! Ich wollte ihnen gerne hinterher laufen und sie fragen, was sie bei uns machen. Natürlich sind sie keine Syrer, sie liefen mit größeren Waffen und viel mehr Schutzausrüstung rum, unsere Soldaten laufen fast nackt dagegen, nur mit dem Militärhemd und leichter Jacke drüber. Verflucht nochmal mal, was machen die bei uns? Aber ich wusste, ich muss sie nicht fragen, ich kenne ihre Antwort. Putin will es so, ich hoffe sie wissen wenigstens wo sie sind und welche Sprache wir sprechen bevor sie uns töten. Ich wünschte mir, es wäre die Bundeswehr. Meine Mutter sagt, es sind alle schlecht. Natürlich will ich nicht dass unser Land unter Besatzung ist, egal von wem. Aber Russland und Iran, die diktatorischen Länder, das passt mir alles überhaupt nicht. Deutschland ist gerechter, Deutschland gibt, also darf es nehmen. Deutschland beschützt und das weiss ich. Ich war dabei, als ein Arzt der Bundeswehr uns die Bilder ihrer Aktion Sophia gezeigt hat. Obwohl die Bundeswehr mich enttäuscht hat, ich liebe sie und wenn es deutsche Soldaten gewesen wären, dann wäre ich zu ihnen gegangen und hätte jedem eine Blume gegeben, weil ich weiss dass sie beschützen. Sie würden auch nicht wirklich wissen wo sie sind und warum. Vielleicht würden sie auch auf uns herab sehen, aber mit Deutschland kann ich reden und Deutschland kann ich verstehen. Russland und den Iran nicht. Also bitte, verpisst euch aus unserem Land.

Das mit Deutschland ist wie eine nicht erwiderte Liebe. Ich träume von meiner Liebe und würde alles für sie tun, würde für sie sterben und hoffe sie sieht mich und erkennt mich. Dabei weiss meine Liebe kaum, dass es mich gibt. Ich weiss nicht warum ich Deutschland so sehr liebe, ich tue es aber. Ich weiss, dass mein Herz jeden zweiten Schlag im deutschen Takt schlägt und habe das Gefühl das die Hälfte meines Blutes Deutsch ist. Wenn ich diese Sprache schreibe und spreche, fühle ich mich wohl, wenn ich meine Muttersprache spreche laufen mir nur die Tränen übers Herz. Ich liebe dich Deutschland und das werde ich hoffentlich immer tun.

Deutschland, liebes Deutschland, du wirst nichts machen, das weiss ich. Ich liebe dich trotzdem, weil du mir Hoffnung gibst.

Wir kamen zurück und haben angefangen zu kochen. Arabisches Essen ist lecker. Ich kann nichts anderes sagen. Aber soooooo verdammt anstrengend. Meine Tante, meine Mutter und ich rannten nur rum. Meine süße Tante sagt mir was ich machen soll und nach zwei Minuten vergisst sie, dass ich schon eine Aufgabe zugeteilt bekommen habe und sagt, ich sollte bitte schnell das machen. Ich denke na gut, Frauen sind multitasking ich krieg es hin, zwei Sachen gleichzeitig zu tun. Dann kommt aber die dritte und vierte Sache dazu und ich renne auch rum. Ich kann mich nicht daran erinnern ob ich je in meinem Leben so viel gearbeitet und abgewaschen habe. Dabei überlegte ich, ob eine deutsche Frau sich sowas gefallen lässt. Bestimmt nicht. Weiter arbeiten. Es wäre alles kein Problem, ich mach es gerne für meine Tante, wenn nur die Männer nicht einfach in die Küche kommen würden und einfach so sagen, wo ist der Kaffee? Warum macht ihr uns keinen Kaffee? Leute, gut dass ich keine Waffen besitze. Wo ist der Tee, warum ist das Essen immer noch nicht fertig? Mmmmm. Warum, warum ist die Banane krumm?, sagt immer Heinz. Ich habe angefangen zu zicken und die Männer aus der Küche rauszuschmeissen. Mein Cousin ist ein netter junger Mann. Er ist fast genauso alt wie ich. Er kam zu uns und fing an zu helfen. Später, als ich wie tot auf dem Sofa saß, meinte er zu mir, komm und setz dich neben mich, ich schäle eine Orange für uns beide. Ich habe mit meinen Augen die paar Schritte zu ihm abgemessen und meinte, Danke sehr lieb von dir. Da sagte er mir lachend, der Weg ist aber lang oder? Ich sagte, yup. Er kam zu mir, saß neben mir und hat mich mit Vitaminen gefüttert. Die jungen arabischen Männer helfen mehr als die älteren, sie wissen die Frauen mehr zu schätzen und bemühen sich um unsere Liebe. Aber ihre Familien lassen es nicht zu, dass das so weit geht. Dann geht es los mit, hey, du bist doch ein Mann und solchem Scheiss. Ich hatte immer gesagt ich heirate keinen Araber. Natürlich träume ich von einem Deutschen. Aber ich kenne mein Glück und ich weiss, wenn ich irgendwann heirate dann wird es ein Araber sein. Tja was soll es. Schön wäre es, wenn das unser größtes Problem wäre.

Meine Tante wollte zu der Trauerfeier ihres Nachbars gehen, hat es aber verschoben weil wir bei ihnen waren. Der ist in den letzten zwei Tagen ums Leben gekommen, wegen einer der Bomben die auf Damaskus fielen. JA, ich habe doch gesagt, das sind Bomben, sie fallen auf Menschen drauf und die sterben dabei.

Ich habe keine Lust, den Text von diesem Tag traurig zu beenden. Es war ein wunderschöner Tag und ich habe jede Sekunde genossen. In meiner deutschen Familie gibt es auch so schöne Tante Nichte Beziehungen und ich habe immer mit Freude beobachtet wie sich das entwickelt und darstellt und habe dabei an meine Tanten gedacht und sie vermisst. Jetzt bin ich hier und sie lieben mich. Ich liebe sie auch. Wir sind so wunderbare Menschen und werden die Welt mit Liebe erfüllen. Die gaaaaaanze Welt.

2 thoughts on “Tag 8

  1. Nun ist es soweit und ich schreibe wohl den ersten Kommentar zu deinem Blog. Es ist ein großer Balanceakt zwischen Orient und Occident liebe Samaa, den du im Augenblick in allen Facetten erlebst. Deine Stadt, deine Familie die politischen Umstände, alles ist so anders, als zu der Zeit da du fort gingst um deinen Traum zu verwirklichen. Du hast seither soviel erreicht, die deutsche Sprache perfekt gelernt, so daß du sie wie eine Muttersprache beherrschst. Du studierst Medizin mit viel Erfolg und du hast ein sehr wichtiges Buch geschrieben ( Ich komme aus Syrien). Und daß dich Deutschland nicht wahr nimmt – nein. Deine Aktivitäten sprechen für sich. Lesungen, das Hilfsprojekt für Schulbesuch, und vieles mehr… Es sind wichtige Dinge die in das Große einfließen. Bringe diesen großen Traum zu Ende. Wir helfen dir nach Kräften. Und dann kannst du durchstarten, neue Dinge in Angriff nehmen. Zusammen mit vielen die die Welt verändern wollen. Du bist noch so schön jung. In Liebe deine Granny

Schreibe einen Kommentar zu Samaa Hijazi Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.